Eröffnung der Ausstellung Christel Kremser „Worpswede-Paris“ im Kulturforum Kempen am 24.08.2008
„Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln schloss“,
(aus: Katharina Hagena, Der Geschmack von Apfelkernen).
Fotografieren, um zu erinnern: Das bedeutet für die Fotografin Christel Kremser, in den Ozean des Vergessens einzutauchen, um die Gedächtnisinseln zu bewahren.
Denn: Eine Fotografie entreißt Dinge und Menschen dem Meer der Vergänglichkeit. Fotografie behütet Dinge und Menschen vor dem Vergessen. Fotografie hilft Menschen, sich der Dinge und Menschen zu erinnern und zu vergewissern.
Die Kempener Fotografin Christel Kremser hat sich vor einigen Jahren auf eine besondere und lang anhaltende fotografische Spurensuche in die Vergangenheit hineinbegeben.
Zwischen 1996 und 2002 besuchte sie wiederholt das Künstlerdorf Worpswede, in dem ein ganzes Jahrhundert zuvor, seit 1897, die Künstlerin Paula Modersohn-Becker gelebt hatte. Für Christel Kremser eine faszinierende Persönlichkeit und eine sie begeisternde Malerin, deren Schwerpunktthema in ihrer Malerei das Porträt war, so wie es in der Fotografie Thema von Kremser ist.
Christel Kremser tauchte ein in die Welt der Paula Modersohn-Becker, hielt sich an ihren Orten auf, las ihre Briefe, lernte Christian Modersohn, den Sohn aus Otto Modersohns 3. Ehe kennen, führte zahllose Gespräche mit ihm sowie den Bewohnern und Gästen des Dorfes.
Und sie fotografierte und fotografierte. Das Dorf, die natürlichen Stillleben in seiner Umgebung, die Häuser, in denen die 1. Künstlergeneration gelebt und gewirkt hatte, die Menschen, die sich heute dort eingerichtet haben und arbeiten, die Künstler, die sich dort niedergelassen haben. Die Frauen und Männer, oftmals Paare, suchten mit der Fotografin den Ort aus, an dem sie sich fotografieren lassen mochten. Gaben einiges von sich preis – mehr oder weniger unbewusst. Doch dazu später mehr.
Das ist die eine Seite der Ausstellung, die sie heute präsentiert.
Die andere Seite zeigt Fotografien aus dem Quartier Marais in Paris. Dort bezog Christel Kremser in den Jahren 2005 und 2007 ein Wohnatelier in der Cité Internationale des Arts. Auch hier wurde sie in den Bann des außergewöhnlichen Ortes gezogen, in dem 2005 noch jüdisches Leben, das Leben der Homosexuellen, die Kunst und die Mode lebendig waren, was sich 2007 bereits geändert hatte, nachdem das Ursprüngliche mehr und mehr verschwand und im Ozean des Vergessen zu versinken drohte.
Zwischen Paris und Paula Modersohn-Becker gibt es eine Verbindung, so dass Christel Kremser folgerichtig in ihrer Spurensuche vorging: Modersohn-Becker fuhr 1900 viermal nach Paris, um sich dort künstlerisch fortzubilden und die aktuelle Kunst hautnah zu erfahren.
Auf diese Weise entstand die Ausstellung „Worpswede – Paris – Ein fotografisches Porträt“ vor allem als eine Hommage an Paula Modersohn-Becker.
Christel Kremser also ist Porträtfotografin. Sie beobachtet und entdeckt Menschen, Typen, Persönlichkeiten – durch lange Gespräche, durch langsame Annäherung, durch Geduld und hier und da auch durch Vermittlung anderer gelingt es ihr, eine Fotografie von ihnen zu machen. Sie arbeitet mit einer analogen Mittelformatkamera, deren Negative 6x6 cm groß sind (daher die quadratischen Formate der Fotografien), sie arbeitet mit Stativ und nach Möglichkeit mit vorhandenem Licht, im Notfall mit einer Fotolampe.
Mit den Fotografien hält sie ihren Eindruck der Menschen fest, hält fest, wie die Porträtierten auf uns wirken möchten und schafft zugleich eine Spiegelfläche voller Reflexionen eigener Gedanken, Erfahrungen, Assoziationen.
Da ist die Grabpflegerin am Friedhof an der Zionskirche in Worpswede. Zwischen 2 alten reich beschriebenen und mit Engeln verzierten Grabsteinen steht eine alte und liebenswerte Frau. Ihre Kittelschürze ist über und über mit Blüten verziert, was sie zu einem integrierten Teil der Friedhofsbegrünung werden lässt. Die Flügel der Engel würden ihr gut zu Schulter stehen, würden auch um Haaresbreite passen – aber sie hat Bodenständigeres zu tun: Mit der Harke in der Hand und der Gießkanne zu ihren Füßen hat sie nur eben innegehalten, um sich ablichten zu lassen.
Oder die Handweberin Bettina Müller-Vogeler, eine Tochter von Martha und Heinrich Vogeler: Wie wach sie in die Kamera schaut, eine Hand scheint die andere nur mühsam stillzuhalten. Ihre Person scheint sich fortzusetzen im am Webstuhl aufgehängten Bild der Weberin vor dem Webstuhl – ein Blick in die Tiefe, örtlich und zeitlich.
Und dann die beiden Bremer Damen im Café im Rilke-Haus, dem ehemaligen Wohnhaus und Atelier von Clara Rilke-Westhoff: Ein Inbegriff hanseatischer Eleganz. Vom Hut über dem Scheitel über die Ringe am Finger und dem Dolce&Gabbana-Täschchen, das an der Stuhllehne baumelt, bis zur Sohle des eleganten Schuhwerk sind sie ganz höhere Damen, die sich positioniert haben wie die Modelle eines Malers.
Ein weiteres Paar steht im größtmöglichen Kontrast zu ihnen: Mutter und Sohn im ehemaligen Garten von Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke. Vor einem uralten Baum, den schon Rilke gekannt haben muss, stehen die beiden mindestens ebenso fest gefügt wie der alte Baum. Ihre Gesichter ähneln sich, und das ist sicher nicht nur das Ergebnis genetischer Verwandtschaft.
Schließlich Lothar Rieke und seine Tochter Nina Rieke in ihrer Bronzewerkstatt. Sicher, fest, aufrecht wie die Bronzen, die sie gießen, lassen sie sich fotografieren, fast schon statuarisch. Fast könnte man meinen, die Reihe der Porträtierten setze sich neben der jungen Frau in den Abgüssen fort, die Figuratives erahnen lassen.
Allen haftet etwas Privates, Intimes und zugleich Distanziert-Dokumentarisches an. Dieser Grat, den Christel Kremser beschreitet, macht ihre Porträtfotografien zu einer Quelle von Eindrücken, Ausdrücken und Aussagen.
Den Aufnahmen aus dem Quartier Marais wohnt eine völlig andere Anmutung inne.
Ein Ruhepol für Christel Kremser und eine Quelle intensiver Aufnahmen war die Kirche Saint-Gervais. Dort entstand die dreiteilige Arbeit mit dem Titel „Une femme priante“, in der Architektur, Mobiliar und Skulptur eine verblüffende Korrespondenz eingehen. Im Mittelpunkt steht die betende Frau: Vom Lockenkopf über Zierrat des Kleides bis hin zum unter dem Rocksaum hervorlugenden Hund sehr detailreich ausgeführt fallen vor allem ihre intensiven Rundungen an Dekolleté und Armen auf. Diese wiederholen sich formal im linken Teil des Bildes, in dem die Weihwassergefäße mit ihren Rundungen die Brüste der Frau widerzuspiegeln scheinen. Von formaler Strenge und Klarheit hingegen ist der rechte Teil der Arbeit geprägt. Die Weichheit und Verspieltheit der architektonischen und menschlichen Formen enden in der Nische, die dem Gebet, der Sammlung und Meditation vorbehalten ist.
Außerhalb der Kirche Armut, abblätternde Fassaden, Müll, leere Straßen, bewachte Plätze: Die Obdachlose auf ihren Habseligkeiten schlafend auf einem Platz, der den parkenden Motorrädern vorbehalten scheint, die Mann-Frau vor einem verhüllten Stand, um sie herum leere Kisten – sie zeugen von einer Realität, die in größtem Gegensatz zur Wirklichkeit des Kircheninneren steht.
Realitäten weisen Brüche auf: Da gibt es diese Aufnahme einer Hausfassade auf die ein Plakat geklebt ist, das in täuschendem Illusionismus wie in einem Spiegel eine mit Graffiti besprayte Hausfassade, einen Zebrastreifen und eine mit ihrem Handy beschäftigte Frau zeigt.
Die Fotografin Christel Kremser tut nichts anderes als wiederzugeben, was sie sieht. Damit bewahrt sie Realitäten vor dem Vergessen-Werden und schärft unseren Blick – nicht nur auf die ausgestellten Fotografien, sondern auf die Welt, die uns umgibt.
©Sigrid Blomen-Radermacher
Katharina Hagena, Der Geschmack von Apfelkernen
Wurden die Menschen vergesslich, die etwas zu vergessen hatten? War Vergesslichkeit einfach nur die Unfähigkeit, sich etwas zu merken? Vielleicht vergaßen die alten Leute gar nichts, sie weigerten sich nur, sich Dinge zu merken. Ab einer bestimmten Anzahl von Erinnerungen musste es doch jedem zu viel werden. Also war Vergessen auch nur eine Form des Erinnerns. Würde man nichts vergessen, könnte man sich auch nicht an etwas erinnern. Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln schloss.
…
Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.